Der goldene Hecht


Alt Heidelberg, du feine
du Stadt an Ehren reich,
am Neckar und am Rheine
kein' andre kommt dir gleich.

Viktor von Scheffel

Die Geschichte

Vom Brückentor kommend, über den „Briggebuggel", nimmt der Hecht die Eck-position zur Steingasse hin ein, in dem Goethe auf seiner dritten Schweizer Reise am 25. August 1797 gern zu Gast gewesen wäre, hätte es dort noch ein Bett für ihn gegeben: „In Heidelberg Abends 9 1/2 eingekehrt in den 3 Königen; der Goldene Hecht, der vorgezogen wird, war besetzt. Der Hecht führt die Jahreszahl 1717 bei seinem Namen und präsentiert zum Brückentor hin in seiner Giebelfront nicht nur einen großen Hecht auf Wellenkronen, sondern über dem Eingang von der Steingasse aus auch eine kräftig ausgebildete Türbekrönung, einen von zwei Füllhörnern flankierten Lorbeerkranz, in dessen Rundung ein Engel den Wappenschild hält.

Begeben wir uns nach innen. Gleich die Wand am Stammtisch weist darauf hin, welch namhafte Persönlichkeiten im Hecht verkehrten. Bis auf Schiller, Wieland und E. T. A. Hoffmann waren sie eigentliche alle da, die Größen der Klassik und Romatik. Beginnen wir mit jenen zwei Dichtern, die uns auch auf dem Philosophenweg begegnen. Joseph Freiherr von Eichendorff 1788-1857. Er studierte 1807/08 in Heidel - berg Jura. Seine bekanntesten Werke sind: „Aus dem Leben eines Tauge-nichts", „Ahnung und Gegenwart", „Das Marmorbild" und natürlich seine Gedichte. In der Eichendorff - Anlage trifft man auf einen mächtigen roten Stein, dem Gedächtnis des Dichters gewidmet und verzeichnet die letzten Verse aus "Robert und Guiskard":

In dieses Märchens Bann verzaubert stehen
Die Wandrer still. - Zieh weiter, wer da kann!
So hatten sie's in Träumen wohl gesehen,
Und jeden blickt's wie seine Heimat an,
Und keinem hat der Zauber noch gelogen
Denn Heidelberg war's, wo sie eingezogen.

Am Rande des Philosophenweges, in der immer schattigen Hölderlin - Anlage, steht unter zwei dicht ineinander verzweigten Buchen ein Gedenkstein, auf dem man den Anfangsvers des Hölderlin - Gedichts auf Heidelberg lesen kann: Lange lieb' ich dich schon, möchte dich, mir zur Lust Mutter nennen und dir schenken ein kunstlos Lied, Du, der Vaterlandsstädte Ländlichschönste, so viel ich sah.

Friedrich Hölderlin weilte dreimal in Heidelberg, doch jedesmal nur kurz. Dennoch zeigt seine Ode, die 1801 zum ersten Mal in einem poeetischen Taschenbuch erschien, auf ergreifende Weise, wie innig er sich dieser Stadt verbunden fühlte. Sein bekanntestes Werk ist „Hyperion oder der Eremit in Griechenland", doch berühmter ist sein tragisches, umnachtetes Ende in dem kleinen Türmchen am' Neckar in Tübingen.

Auch Clemens von Brentano hatte sich in Heidelberg verliebt und hatte Achim von Arnim wissen lassen: „Es ist schön hier, unbegreiflich schön". Weil sie mit dem Philologen Creuzer in Verbindung standen, kamen sie gleich ihm 1804 nach Heidelberg. Bis 1806 weilten Brentano und Arnim hier und hielten als Romantiker die so genannte „Voßclique" in Aufregung. Johann Heinrich Voß schleuderte verbale Donnerkeile gegen die Geisteshaltung der Jüngereren, weil sie mit dem Rationalismus seines Aufklärertums nicht zu vereinbaren waren. Bei dem Heidelberger Verlag Mohr und Zimmer erschienen 1806 bis 1808 die drei Bände der von Arnim und Brentano gesammelten „alten deutschem Lieder" und dem Titel „Des Knaben Wunderhorn". Goethe schätzte das „Wunderhorn", - das zum Herzstück der jungen romatischen Bewegung wurde und das Achim und Arnim vorübergehend zum Wortführer der Heidelberger Romantik werden ließ.

Auch Eichendorff kam kam wegen jener romatischen Bewegung und wegen des Philosophen Görres nach Heidelberg. Hier hat er die bittersüße Studentenliebe zu Katharina Barabara Förster erfahren dürfen, Tochter des Rohrbacher Küfers Johann Georg Förster. Bleibendes Zeugnis dieser Begegnung zweier Liebenden im Kühlen Grund zu Rorhbach wurde Eichendorffs Volksliedweise mit dem Titel „Das zerbrochene Ringlein":

In einem kühlen Grunde da geht ein Mühlenrad mein' Liebste ist verschwunden die dort gewohnet hat

Sie hat mir Treu versprochen gab mir ein'n Ring dabei, sie hat die Treu gebrochen, das Ringlein sprang entzwei.

Kommen wir zu Joseph Viktor von Scheffel, 1826 - 1886. Er studierte in Heidelberg Jura, schloß sogar mit „summa cum laude" ab, was ihn aber nicht daran hinderte, ein feucht - fröhliches Burschenschaftler - Leben zu führen. Er ist der Schöpfer der Studentenpoesie, des „Trompeters von Säckingen" und der „Gaudeamus - Lieder". Literaturwissenschaftlich umstritten erfreut er sich bei den Burschenschaften aber nach wie vor großer Beliebtheit.

Gottfried Keller ,1819 - 1890, studierte als fast schon Dreißigjähriger von 1848 bis 1850 in Heidelberg. Leidenschaftlich liebte er Johanna Kapp, die Tochter jenes Hofrats Kapp, der ein politischer Heißsporn war. Die von Keller inbrünstig verehrte Faru nahm seine Liebe jedoch nicht an, da sie bereits in eine unselige Leidenschaft zu dem Philosophen Feuerbach verstrickt war. Aber auch diese Liebe fand keine Erfüllung und trieb die Knapp letztlich in den Wahnsinn. Der Dichter wohnte 'nicht weit von der alten Brücke, die Knapp fast gegenüber auf der anderen Neckarseite.

Schöne Brücke, hast mich oft getragen,
wenn mein Herz erwartungsvoll geschlagen
und mit dir den Strom ich überschritt.
Und mich dünkte, deine stolzen Bogen
sind in kühnerm Schwung mitgezogen
und sie fühlten meine Freude mit.

Weh der Täuschung, da ich jetzo sehe,
wenn ich schweren Leids hinübergehe,
daß der Last kein Joch sich fühlend biegt!
Soll ich einsam in die Berge gehen
und nach einem schwachen Stege spähen,
der sich meinem Kummer zitternd fügt ?

Der einzige, der in den Scherenschnitten Dargestellten, zu dem sich in keiner Literartur - oder Philosophiegeschichte etwas finden läßt, ist Ulrich von Cannstadt. Er ist das einzige Fake und doch auch wieder nicht. Denn schließlich hat er im letzten Jahrhundert einen Stammtisch mitbegründet, der heute noch legendär ist, und den sein Verlust so schmerzte, daß sie ihn auf eben jene Weise „zurückholten."

Wenden wir uns dem anderen Teil des Vorderraumes zu, so fallen zwei große Zeichnungen in's Auge. Auf der linken Seite sehen wir, wie Kroatische Söldner Heidelberg zerstören. Heidelberg war zu Beginn des 30-jährigen Krieges protestantisch. im Jahre 1622 schloß der Oberbefehlshaber der Katholischen Liga, der Brabanter Johann Graf von Tilly, die Stadt ein, nachdem seine Truppen im Frühjahr die Umgebung der Stadt verwüstet hatte.

Das bis dahin beschauliche Städtchen geriet nun rasch in einen „überaus elenten und höchst betrübten Zustand", denn alle Zufahrten waren gesperrt und die Ernte vor der Stadt von den Feinden eingetan worden. Tilly ließ auf den unbewachten Höhen rings um Heidelberg schweres Geschütz auffahren und bombadierte die ihm zu Füßen liegende Stadt mehrfach. Am 19. September 1622 setzten die Truppen Tillys zum Sturm auf Heidelberg an. Sie kamen hauptsächlich den Gaisberg herab und überrannten die Verteidiger. Gleichzeitig durchquerten die Kroaten mit ihren Pferden den Neckar von Neuenheim her und drangen aus dem Fluß heraus in die westliche Stadt ein. Um Heidelberg war es geschehen. Was folgte, waren die im 30-jährigen Krieg leider üblichen Schrecknisses Plünderung, Brandtschatzung, Vergewaltigung, Folterung, Erpressung etc.

Das rechte Bild stellt eine entschieden freundlichere Angelegenheit dar. Jean Paul, 1763 1825, eigentl. Johann Paul Friedrich Richter, wurde von seinen Zeitgenossen, direkt neben, wenn nicht gar über Goethe gestellt. Erst die spätere Zeit trug zur heute alles überragende Goethe - Präsenz bei. Auf der Freundschaft zum Homer - und Shakespeare - Übersetzer Heinrich Voß beruhte die Begegnung von Jean Paul mit Heidelberg in den fahren 1817 und 1818. Sieben Wochen blieb der Dichter beim ersten Male, hochgeehrt von der Universität und den Studenten. Er wurde Heidelberger Ehrendoktor. Den Vorschlag soll, nach Voß, während eines Bowlenabends der schon leicht angeheiterte Hegel gemacht haben. Zum akademischen Schmaus im „Goldenen Hecht" fanden sich über 60 Personen ein. Die Studenten ehrten den Dichter mit einem Fackelzug und mit einem ihm gewidmeten Lied:"Heil, großer Mann, Dir, Heil!"

Ist der Vorderraum von vielen verschiedenen Persönlichkeiten geprägt, so zeigt die Wandbemalung im Goethe - Zimmer die Handschrift der Künstlervereinigung „Form und Farbe" und in den Texten herrscht einer vor, der bei Nicht -Pfälzern gänzlich unbekannt sein dürfte: Karl Gottfried Nadler. Heute steht seine Büste auf dem Krahnenplatz. Die Heidelberger halten die Erinnerung an ihn hoch in Ehren. Seine Gedichtesammlung „Fröhliche Pfalz, Gott erhalts!" ist zun einer Art Hausbuch geworden. Doch auch politisch mischte Nadier sich ein, so etwa in seinem Hecker -Gedicht, über den badischen Aufruhr 1849:

Seht, da steht der große Hecker,
eine Feder auf der Hut,
seht, da steht der Volkserwecker,
lechzend nach Tyrannenblut;

Und wer noch dorthin schreitet, wohin selbst der Kaiser zu Fuße geht, der mag den Blick erheben, was dort oben steht: 1907 wurde in einer Sandgrube bei Mauer vom Arbeiter Daniel Hartmann ein Schädelframent gefunden. Er soll gerufen haben: „Här, fisch han den alde Adam gfunne!" Dieser sogenannte Homo Heidelbergensis, gab dem Gelehrten Otto Schoetensack die Möglichkeit, einen Menschen der Zwischeneiszeit darzustellen, und damit der Wissenschaft das frühste Zeugnis menschlichen Lebens in Europa zu präsentieren. Der Träger jenes Knochen hat vor etwa 500000 bis 600000 Jahren an den liebliche Gestaden des Neckars gelebt. Der Fund liegt heute im Geologisch - Paläontologischen Institut im Neuenheimer Feld. Eine Nachbildung befindet sich im Kurpfälzischen Museum.